Wenn Zeit kein Besitz ist —
was bedeutet dann „meine“ Zeit überhaupt?
Es gibt Wörter, die man lange benutzt, ohne sie je wirklich anzuschauen.
„Me-Time“ ist so eines.
Es klingt nach Wellness, Kerzenlicht und abgeschaltetem Handy. Nach einem Versprechen: Diese Zeit gehört mir.
Aber heute Morgen blieb ich an genau diesem Punkt hängen. Kann Zeit überhaupt jemandem gehören?
Zeit vergeht.
Sie bleibt nicht stehen, wenn ich sie festhalte. Sie wartet nicht, bis ich bereit bin. Sie läuft auch dann, wenn ich nichts tue.
Wenn das stimmt – was heißt dann eigentlich meine Zeit?
Zeit als Besitz
Wir sprechen ständig so, als könnten wir Zeit besitzen.
Ich habe keine Zeit.
Das kostet mich Zeit.
Ich nehme mir Zeit.
Das sind ökonomische Begriffe. Zeit als Ressource. Als Währung. Als etwas, das man verwaltet, spart, verschwendet.
Vielleicht ist das praktisch.
Aber vielleicht macht es auch Druck.
Denn wenn Zeit etwas ist, das mir gehört, dann bin ich auch ständig verantwortlich für sie. Für jede Minute. Für jede Entscheidung. Für alles, was ich stattdessen hätte tun können.
Und plötzlich fühlt sich selbst Ausruhen wie ein Projekt an.
Wenn Zeit nicht mir gehört
Was, wenn Zeit kein Besitz ist, sondern ein Strom, in dem ich mich bewege?
Ich kann ihn nicht anhalten.
Aber ich kann entscheiden, ob ich gegen ihn ankämpfe oder mich für einen Moment treiben lasse.
Dann wäre „meine Zeit“ nicht etwas, das ich abgrenze wie ein Grundstück. Sondern etwas, das ich gestalte, während sie ohnehin vergeht.
Vielleicht ist „meine Zeit“ nicht die Stunde, in der niemand etwas von mir will. Sondern die Stunde, in der ich nicht primär für andere funktioniere.
In der ich nicht vorausdenke.
Nicht antizipiere.
Nicht innerlich Buch führe.
Sondern wahrnehme, was gerade da ist.
Selbstfürsorge ohne Besitzanspruch
In diesem Licht wirkt „Me-Time“ plötzlich weniger egoistisch – und weniger glamourös.
Sie ist kein Luxus.
Kein Rückzug aus der Welt.
Kein Statement.
Sondern eher Wartung.
Ein kurzes Aus-dem-Außen-Treten.
Ein Wieder-in-den-eigenen-Takt-Finden.
Nicht, weil mir die Zeit gehört.
Sondern weil ich sonst in ihr untergehe.
Vielleicht heißt „meine Zeit“ einfach …
… die Zeit, in der ich mir selbst nicht ausweiche.
In der ich merke, wie müde ich bin.
Oder unruhig.
Oder leer.
Oder überraschend ruhig.
Vielleicht ist das alles, was dieses Wort meint.
Nicht Besitz.
Sondern Präsenz.
— Katarina Marević Schmieder